Digitalisierung ist Chefsache

Die Reparaturbranche verändert sich heute schneller als je zuvor. Ein Kennzeichen dieses Wandels ist die Zunahme digitaler Prozesse über alle Bereiche des Reparaturgeschäfts hinweg. Eine digitale Schadenmeldung, Werkstattplanungstools, der Einsatz von mobilen Endgeräten bei Schadenerfassung oder Reparatur und Zeiterfassung gehören heute praktisch zur Standardausstattung im modernen Reparaturfachbetrieb. In der Schadensteuerung spielt dann noch die reibungslose digitale Schadensabwicklung zwischen Partnerbetrieb und Auftraggeber eine besondere Rolle. Die Möglichkeiten aktueller EDV sind mittlerweile schwer zu überblicken, wir haben uns deshalb mit dem Digitalisierungsexperten Ralf Schütte über die Chancen und den sinnvollen EDV-Einsatz im Partnerbetrieb unterhalten.

Ralf Schütte ist seit vielen Jahren digital in der automobilen Welt unterwegs. Er berät Werkstätten, Dienstleister und Handel in Sachen Digitalisierung und bringt seine Expertise zusammen mit seinem Geschäftspartner Thomas Desch auch in die Best Practice Zirkel des BVdP ein.

NewsMonitor:
Ralf, Digitalisierung ist ein weitgefasster Begriff. Wie sollte ein Partnerbetrieb das Thema angehen, um seinen tatsächlichen Bedarf identifizieren?

Ralf Schütte:
Die Digitalisierung ist ganz klar Chefsache und natürlich als Werkzeug zur effektiven Steuerung unserer Prozesse nicht mehr wegzudenken. Jeder Unternehmer sollte einen klaren Plan haben, wo er mit seiner Firma hinwill, welche Ziele er operativ und strategisch verfolgt. Auf dieser Basis kann er dann identifizieren, welche digitalen Werkzeuge er auf diesen Weg benötigt. Wo ist Handlungsbedarf, wo liegen Prozessstörungen vor, wie kann ich mich besser aufstellen, was erwarten Kunden, Markt und Partner? Wie und in welchem Umfang ich meinen Partnerbetrieb digitalisiere, ist eindeutig eine unternehmerische und weniger eine technische Frage. Das Ziel sollte sein, mit digitalen Tools die Prozesse im eigenen Unternehmen effizienter, unkomplizierter und attraktiver zu machen, und zwar für das ganze Team. Wenn das klappt, ist ein wesentlicher Baustein für die Zukunft umgesetzt. Dabei sollte man sich nicht scheuen, jeden Stein im Unternehmen einmal umzudrehen und offen für ganz neue Lösungsansätze zu sein. Es kann auch nicht schaden, sich für diese wichtige Zukunftsentscheidung externe Hilfe dazu zu holen, denn der Blick von außen zeigt manchmal ganz neue Perspektiven. Grundsätzlich ist aber eine Digitalisierung an der Oberfläche, der Glaube an „das Programm XYZ wird es schon richten“ sowie die Steuerung des eigenen Unternehmens nach Bauchgefühl garantiert ein Irrweg. Und in wirklich jedem Betrieb, völlig unabhängig von der Größe, lassen sich positive Effekte für die tägliche Arbeit durch den sinnvollen Einsatz digitaler Werkzeuge erreichen.

NewsMonitor:
In den vergangenen Jahren waren die Themen Schadensmeldung, Reparatur-Tracking oder Online- Terminvereinbarung in aller Munde. Wie können Partnerbetriebe von diesen digitalen Werkzeugen profitieren?

Ralf Schütte:
Die zielgerichtete und effektive Verwendung digitaler Tools machen die Partnerbetriebe wesentlich interessanter für FLIs und deren autofahrende Kunden. Gerade Letztere erwarten heute durchgängige und einfache Prozesse, (nicht nur) von Werkstätten. Da ist im positiven Sinne eine Dynamik entstanden, die allen Beteiligten im Schadenmanagement nutzt. Letztendlich mache ich als Partnerbetrieb die Kommunikation mit dem Autofahrer und die Zusammenarbeit mit dem Steuerer effizienter und verringere in der Konsequenz den eigenen Aufwand.

Wir stellen bei unseren Digitalisierungsprojekten in Werkstattfachbetrieben immer wieder fest, dass es einen positiven Effekt gibt, an dem sich der Nutzen der durchgängigen Digitalisierung fest machen lässt: je papierloser ein Unternehmen arbeitet, desto effizienter werden die Prozesse. Je selbstverständlicher digitale Prozesse laufen, desto einfacher entstehen durchgängige, effiziente Workflows im Unternehmen. Das Papier verschwindet und die Arbeit wird einfacher und rentabler. Das kann dann sogar zum Selbstläufer werden.

NewsMonitor:
Das digitale Rad dreht sich immer weiter, was kommt auf die Partnerbetriebe 2023/24 zu?

Ralf Schütte:
Vieles, was in den nächsten Monaten thematisiert werden wird, ist an und für sich schon an einigen Stellen in der Schadenabwicklung Alltag. Künstliche Intelligenz zieht in die Kalkulation ein, Automatisierung unterstützt bei Terminplanung und Ressourceneinsatz. Das wird sicherlich noch deutlich mehr werden und sich weiterentwickeln.

Wichtige Themen sind vor allem die eigene Planung und interne Steuerung. Hier werden die digitalen Werkzeuge immer leistungsfähiger. Dabei müssen wir uns aber vor Augen halten, dass diese Systeme nur so stark sein können, wie die Daten, mit denen sie arbeiten. Je mehr Papier hier noch im Einsatz ist, desto weniger Unterstützung kann ich durch die Tools erwarten.

Es gibt noch einen weiteren Punkt, der angesichts des Fachkräftewettbewerbs immer mehr an Bedeutung gewinnt. Digitalisierung, die mehr Effizienz und Einfachheit in die betrieblichen Prozesse bringt, steigert die Arbeitgeberattraktivität. Denn wenn die Workflows transparent und unkompliziert strukturiert sind, macht die Arbeit Spaß und Zufriedenheit entsteht. Da tun sich noch große Chancen für die Partnerbetriebe auf.

Meines Erachtens wird es in den nächsten Jahren immer wichtiger werden, dass die digitalen Werkzeuge, also Programme und Plattformen, ausdrücklich allen Beteiligten im Schadengeschäft nutzen. Dabei ist es wichtig, die Prozesse durchgängig zu denken und z. B. egoistische Daten-Silos zu vermeiden. Das macht nicht nur die Zusammenarbeit einfacher, sondern der gemeinsame Nutzen wird dann auch zum Treiber für sinnvolle Innovationen und Tools.

NewsMonitor:
Vielen Dank für das spannende Interview, Ralf.

Weitere News

LVM wird Schadensteuerer des Jahres 2023

Der Erfolg des kooperativen Schadenmanagements basiert zuallererst auf einem ebenso zuverlässigen wie vertrauensvollen Miteinander auf Augenhöhe sowie auf reibungslosen Prozessen in der Zusammenarbeit von Werkstätten und FLIs.

Weiterlesen »